Wittenberge war meine musikalische Wiege

Komponist Paul Lincke im Porträt

2016 ist das Paul-Lincke-Jahr. Am 7. November jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal und am 3. September war der 70. Todestag. Der in Wittenberge ausgebildete und spätere Komponist von 25 Operetten inspiriert noch heute das gesellschaftliche Leben der Stadt. Ein Grund, den Menschen und sein Schaffen näher vorzustellen.

Die ersten Berliner Jahre

Als Paul Lincke 1884 nach Berlin zurückkam, erlebte er zunächst eine bittere Enttäuschung: Wegen Schmalbrüstigkeit wurde ihm die gewünschte Laufbahn als Militärmusiker verwehrt. Nachdem er sich mit Gelegenheitsjobs wie als Tanzkapellenmusiker über Wasser hielt, fand er im damaligen Central-Theater eine erste Anstellung als Fagottist. Das Central-Theater war zwar alles andere als ein exquisites Etablissement, aber hier konnten sich auch einfache Berliner einen Steh- oder billigen Sitzplatz leisten. Zum Ostende-Theater gewechselt lernte er dort 1885 die bildhübsche und gerade erst 16-jährige Soubrette Anna Müller kennen, welche ihm nach abkürzenden Heimwegen durch den lauschigen Friedrichshain Inspirationen für sein „Glühwürmchen-Idyll“ bescherte. 1887 wurde Lincke Kapellmeister am Königsstädtischen Theater am Alexanderplatz. In dieser Zeit komponierte er Lieder, aktuelle Couplets und musikalische Parodien auf bekannte Opern. 1893 heiratete er dann Anna Müller-Lincke und 1897 hatte „Venus auf Erden“, seine erste Operette, Uraufführung.

Lincke in Paris

Linckes zündende Melodien und seine musikalische Flexibilität hatten sich mit der Zeit weit über Deutschland hinaus herumgesprochen, so dass ein zweijähriges Engagement in Paris zustande kam, wo er das berühmte Orchester des Théâtre Folies Bergères dirigierte. Lincke reizten das musikalische Fluidum der Metropole an der Seine und wohl auch die Pariserinnen. Lange hielt ihn Paris allerdings nicht. Er strebte zurück nach Berlin, wo sein Librettist Heinrich Bolten-Baeckers bereits mit neuen Ideen und Vorschlägen wartete. Berlin hatte sich in diesen Jahren mehr und mehr zur Weltstadt gemausert.

Späte Jahre

Privat war Linckes Leben komplizierter. Schon 1901 war die kinderlose Ehe mit Anna geschieden worden und auch weitere Beziehungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es still um den Meister. Lincke komponierte mit Ausnahme des „Liebestraumes“ kein Bühnenwerk mehr. Weder mit dem Tango noch mit dem Foxtrott konnte er sich anfreunden. Er nahm gelegentlich Gastdirigate wahr und kümmerte sich um den von ihm gegründeten »Apollo-Verlag«. Lincke besuchte auch seine „musikalische Wiege“ Wittenberge ab und zu und gab 1932 im Stadtsaal ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten der Winterhilfe. 1943 wurde der Komponist eingeladen, in Marienbad noch einmal seine Erfolgsoperette zu dirigieren. Er folgte dem Ruf und das war sein Glück, denn kaum hatte er Berlin verlassen, gingen seine Wohnung und sein Verlagsgebäude im Bombenhagel unter. Das Kriegsende verschlug ihn nach Hahnenklee im Harz. Hier bereitete er trotz seines hohen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit eine neue Tournee vor. Mit letzter Kraft betrieb Lincke seine Rückkehr in die zerbombte Stadt Berlin, kämpfte um Wohnraum und die Zuzugsgenehmigung. Nach vielen Bemühungen traf am 4. September 1946 die Wohnungszuweisung ein, einen Tag, nachdem der Komponist im Krankenhaus verstorben war. Auf dem Friedhof von Hahnenklee fand er seine letzte Ruhestätte.

Kindheit

Geboren wurde Karl Emil Paul Lincke am 7. November 1866 in der Berliner Holzgartenstraße. Sein Vater arbeitete als Magistratsdiener und half gelegentlich in kleineren Kapellen als Geiger aus. Er vererbte offensichtlich seinem Sohn das musikalische Talent. Die Mutter Emilie Auguste hatte viel Mühe mit dem knappen Familienetat auszukommen. So wuchs der künftige Erfolgskomponist in einer Familie auf, in der die Sorge um das tägliche Brot an der Tagesordnung war, vor allem als der Vater 1871 an den schwarzen Pocken starb und außer der Witwe und Paul noch einen weiteren Sohn und eine Tochter zurückließ. Schon von Kindesbeinen an zeigte Paul großes Interesse für die Musik. Als er aus der Schule kam, wusste er genau: Er wollte Musiker und möglichst Militärmusiker werden.

Lehrzeit in Wittenberge

Und Paul hatte Glück, denn 1880 fand seine Mutter eine Lehrstelle beider renommierten Stadtmusikkapelle von Wittenberge, die von Musikdirektor Rudolf Kleinow geleitet wurde. Hier wurde der schmächtige Knabe zum Fagottist ausgebildet. Über seine Wittenberger Lehrzeit bemerkte der Künstler später: „In dem kleinen Wittenberge habe ich den Grundstein für mein Schaffen als Komponist gelegt und dort gelernt, was andere auf Akademien nie erfahren haben: Marschmusik, Operetten und Opernpotpourris, Walzer, Polkas, Mazurken, Saisonmusik, Rheinländer und vor allem Stimmungsmusik, Rundgesänge, Gassenhauer und Moritaten.“ Bereits zum Abschluss der Lehrzeit entstand der Marsch „Gruß an Wittenberge“.

Zeit der großen Erfolge

Eine richtige Vergnügungsindustrie und ein Theater nach dem anderen waren um die Friedrichstraße herum entstanden, der Konkurrenzkampf der Bühnen verlangte nach aktuellen Stoffen und tollen Melodien. Mit „Frau Luna“ und „Im Reiche des Indra“ 1899, „Fräulein Loreley“ 1900 und „Lysistrata“ 1902 entstanden in diesen Jahren Paul Linckes größte Erfolge. „Frau Luna“ wurde z. B. im Apollo-Theater 421 Mal hintereinander aufgeführt. Es war die Zeit der industriellen Revolutionen und der Flugpioniere. Träume von Flügen auf den Mond wie die des Tüftlers Fritze Steppke, der Hauptfigur von „Frau Luna“, begeisterten die Massen. Die Luna-Titel „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“, „Lasst den Kopf nicht hängen“ und natürlich „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“ waren die „Tophits“ ihrer Zeit.

Szenenbild aus „Frau Luna“ am Berliner Apollo Theater

Heute

Die Aura des Ausnahmekünstlers ist weiterhin in der Stadt zu spüren. So ziert eine Bronzebüste des Komponisten den Paul-Lincke-Platz vor dem Kultur- und Festspielhaus und seine Melodien waren Ausgangspunkt für die Entstehung der Elblandfestspiele. Wer es etwas genauer mag, kann Stadtführer im Paul-Lincke- Kostüm in der Touristinformation unter Telefon (03877) 9291-81 und -82 buchen.

Originalaufnahmen u.a. zu Linckes 75. Geburtstag

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